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Die verpasste Chance für das Lebenswerk des Christoph Leitl

16.11.2016 Michael Schuster

Fast Siebzehn Jahre ist es her, dass Christoph Leitl zum Präsident der österreichischen Wirtschaftskammer gewählt wurde. Es muss ein spannendes Rennen damals gewesen sein, gegen Günter Puttinger, der als “Systemerhalter” galt. Leitl war als Reformer ins Rennen gegangen und hatte deutlich gewonnen.

Seine oberste Priorität war es damals „die leistungsmotivierten Menschen zu ermutigen, sodass sich ihr Einsatz lohnt“. Sein Reformprozess, der mit einer Mitgliederbefragung und Arbeitsgruppen beginnen sollte, war für zwei Jahre geplant.

Ich war nicht dabei, als gewählt wurde, auch nicht in einer der Arbeitsgruppen, auch nicht als Mitglied damals. Ich war zu jung. Ich war aber leider dabei, als die größte Chance auf eine fundamentale Reform jener Basis auf der in Österreich Unternehmertum gedeiht, vergeben wurde. Die Vision, mit der Christoph Leitl ins Rennen gegangen war, sie ist in diesen Tagen weiter entfernt denn je. Bei seiner Wahl wollte Leitl: “dass die Wirtschaftskammer ihren Mitgliedern in Zukunft „Freude statt Frust“ bereitet.”

Was gelungen ist, ist dass der Frust nun in der Bevölkerung angekommen ist. Das Schauspiel der letzten Wochen hat ganz Österreich gezeigt, dass die Wirtschaftskammern, in einer Mesalliance mit den Gewerkschaften, alles tun werden um den Status Quo zu behalten.

Unternehmer die bislang eher teilnahmslos die Existenz der Wirtschaftskammer zur Kenntnis nahmen, haben nun exakt jenen Frust aufgebaut, den Leitl nicht wollte. Und wer kann es ihnen verdenken? Liest man die Zusammenfassung der Reform und insbesondere den Teil zu den reglementierten Gewerben, es muss einem das Lachen im Hals stecken bleiben. Büglerin? Ein Teilgewerbe? Das Einbauen von Autoradios? Echt jetzt? Das Warten von Heizboilern? Wenn es nicht wahr wäre, es bräuchte die formidable Feder eines Satirikers um das in bester Tradition über Österreich zu schreiben, aber in diesem Fall ist es lupenreiner, faktenbasierter Journalismus.

Letzte Woche lud Christoph Leitl UNOS zum Gespräch. Das Thema: die nächsten Reformschritte unter dem Zeichen der Digitalisierung. Wir haben unsere Kernforderungen erneut deponiert und auch übergeben: Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft, Reduktion der Kammerumlage durch richtige Berechnung der Kammerumlage 2 vom Netto- statt vom Bruttolohn, durchgängige Transparenz, eine umfassende Gewerbereform und ein Update der Kammerwahlordnung auf die Höhe der Zeit inklusive Möglichkeit einer Online Wahl.

Das Gespräch hat in vielen Punkten Hoffnung genährt. Die Perspektiven auf viele Themen sind nicht so weit entfernt wie es auf den ersten Blick scheint. Ob dem jedoch konkrete Taten folgen, bleibt wie immer abzuwarten. Denn in Österreich sind wir gewohnt, dass angekündigte Reformen nicht stattfinden.

Wenn dem so ist, dann ist es am Ende vor allem eines: die verpasste Chance eines Lebenswerkes. Die Amtszeit des Christoph Leitl, die vermutlich 2019, vielleicht aber auch früher endet, mit einem Opus Magnus zu beschließen. Als jener im Gedächtnis zu bleiben, der einmal gegen den Österreichischen Strom geschwommen ist, seiner ursprünglichen Vision treu geblieben ist. Ohne sich zu verbiegen unter der Last des Systems. Wenn das nicht gelingt wird Leitl als Systemerhalter abtreten.

Ich wette sein Nachfolger präsentiert sich dann als Reformer.

Michael Schuster

UNOS Bundessprecher

 

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